Interviews

Interview mit Ortsvorsteher Gerhard Dubrau (17.01.2007 - Quelle: Darmstädter Echo)

Interview mit  Magistrat und ehem.  Ortsvorsteher Richard Fikar (19.01.2006 - Quelle: Darmstädter Echo)

 


 

Fleiß und Muskeln für Kleestadt

Ortstermin: Feuerwehr-Chef Gerhard Dubrau ist zugleich parteiloser Ortsvorsteher imschmucken 1500-Einwohner-Dorf - Das Angebot an Geschäften ist groß

KLEESTADT. Aufgedrängt hat er sich nicht: Gerhard Dubrau, 51 Jahre alt, im Beruf bei der Telekom in Darmstadt im Außendienst. Prädestiniert für das Ehrenamt des Ortsvorstehers in Kleestadt hat ihn etwas anderes: Dubrau ist seit 15 Jahren Vorsitzender der Feuerwehr. Und die hat 400 Mitglieder - im 1500 Einwohner großen Stadtteil Groß-Umstadts.

Von da war's nur noch ein kleiner Schritt in die Ortspolitik. "Ich bin zwar parteilos. Aber vor sechs, sieben Jahren ist man an mich heran getreten, ob ich in die Politik will. Früher war ich ja mal bei den Jusos in Groß-Umstadt", erinnert sich Gerhard Dubrau am Esstisch seines Hauses. Links, hinter der Terrassentür, verliert sich der Blick über den immer noch grünen Hügeln Richtung Bayern. Gegenüber sitzt der Gast vom ECHO, der eine Platitüde notiert, die Gerhard Dubrau aber abzunehmen ist: "Das Wohl im Ort liegt mir am Herzen, die dörfliche Ortsgemeinschaft, die hier in Kleestadt noch gut funktioniert."

Hier mal ein Ruhebänkchen, da eine neue Schutzhütte im Wald, ein paar Markierungen für den sicheren Schulweg; es sind viele kleine Dinge, die der Ortsbeirat anregt. Oft packen die Mitglieder selbst an oder gewinnen das halbe Dorf zum Mitmachen. So ist mit wenig Geld etwas wirklich Großes gelungen, die schmucke Sanierung des alten Rathauses, das nun als Treffpunkt dient. Und in diesen Tagen gehen etliche "Kläschter" in die Knie, um den stumpfen und löchrigen Holzfußboden des Bürgerhauses in Ordnung zu bringen. Die Stadtverwaltung stellt Material, die Bürger bringen Fleiß und Muskeln ein.

Ehrenamtlich, also unbezahlt, als Ortsvorsteher: warum tut sich das jemand an – neben Beruf und Familie? Warum nicht gleich ins Stadtparlament, wo wenigstens politische Beschlüsse gefasst werden, viel Geld bewegt wird? „In die Stadtpolitik zu gehen, ist zeitaufwendiger. Und der neue Bürgermeister räumt den Ortsbeiräten ja auch mehr Gewicht ein. Das läuft hier gut in Umstadt.“

Zudem ist da wohl noch ein Grund. Der ECHO-Gast spricht nämlich auch das heikle Thema der neun Stadtteilwehren in Groß-Umstadt an. Ex-Bürgermeister Wilfried Köbler traute sich einmal die Frage zu stellen, ob dort, wo zwei Stadtteile fast aneinander grenzen (wie Kleestadt und Klein-Umstadt), eine Zusammenlegung der Ortswehren möglich wäre. Nur ein Feuerwehrhaus, nur ein Löschzug, nur einmal teures Gerät; das würde riesige Summen sparen.

„Aber von unseren 400 Mitgliedern würden dann noch fünf bis zehn nach Klein-Umstadt wechseln, der Rest würde sich nicht mehr engagieren, weil es ja nicht mehr in Kleestadt wäre“, ist Dubrau überzeugt. Köblers Idee landete aus diesem Grund nach lautem Protest in der Schublade. Vielleicht ist es auch diese Verbundenheit mit dem eigenen Dorf, die Wehrführer Dubrau zwar den Chefposten im Ortsbeirat übernehmen ließ, aber vom nächsten Schritt ins Stadtparlament abhält.

Zumal die Kleestädter offenbar wenig Wünsche offen haben. Lebensmittelmarkt, Metzger, Bäcker, Kneipe, Gemüseladen, Getränkemarkt, Bauernhofladen, Poststelle im Computerladen, Sparkasse – das Angebot ist groß im kleinen Ort. Kein Wunder, dass die 14 Bauplätze im Neubaugebiet „Hinter dem Hag“ ruckzuck vergeben waren. Viele Familien sind schon eingezogen und warten nun darauf – wie alle Kleestädter -, dass die Stadt endlich die Schlagloch-Straße zum Bürgerhaus herrichten lässt. Wenn dann noch die Toiletten an der Trauerhalle nicht dauernd zugesperrt wären, könnten die Kleestädter richtig glücklich sein. „Wer einmal hier gewohnt hat in Groß-Umstadt“, sagt Dubrau, wer die Lage und die vielen kulturellen Angebote kennt, den zieht es immer wieder her.“


Reinhard Jörs, 17.01.2007

Quelle: Darmstädter Echo, 17.01.2007

 


 

Wir Kleeschter liegen in Umstadt oben

Ortstermin: Im nördlichsten der neun Groß-Umstädter Stadtteile erlebt Ortsvorsteher Richard Fikar das „Wir-Gefühl“

Die große Politik wird woanders gemacht. Dennoch sind die Ortsbeiräte mit den Ortsvorstehern an der Spitze oft der direkteste Kontakt für die Menschen im Landkreis, wenn es um Politik geht. Sie sorgen dafür, dass die Anliegen der einzelnen Ortsteile in der Stadt oder Gemeinde nicht zu kurz kommen. Das ECHO war mit den Ortsvorstehern unterwegs, um zu erfahren, was die Menschen im Ort bewegt.

KLEESTADT. 1581 Einwohner. Jeder kennt (fast) jeden. Oder kennt zumindest jemanden, der den anderen kennt. Wenn Kleestadts Ortsvorsteher Richard Fikar, im Beruf Bankkaufmann, von seinem Heimatort spricht, kennt er sie alle beim Namen: den Bäcker „Vogel“ („sonntagmorgens stehen die Leute da Schlange bis auf die Straße nach frischen Brötchen“), den Metzger, den Chef des Lebensmittelladens „nahkauf“ („der wird gut frequentiert, aber es gibt die Überlegung, ergänzend genossenschaftlich einen zweiten Laden aufzumachen, so wie der Klinger Laden in Otzberg“).

Kleestadt hat seit jüngster Zeit – außer dem schönen Namen – immer mehr zu bieten. Grund: der Wettbewerb „Unser Dorf“, an dem die „Kleeschter“ seit 2002 zweimal teilnahmen – und Preise einheimsten. „Das hat hier im Ort viel bewegt. Leute wurden motiviert, gemeinsam etwas zu machen; von der tollen Renovierung des früheren Rathauses mit Denkmalschutzpreis bis hin zum Brunnenfest“, freut sich der 54 Jahre alte Ortsvorsteher.

Zum Brunnenfest war vor Monaten erstmals die Hauptstraße gesperrt worden. Stolz zeigt Fikar Fotos von Besucherscharen, die ihre Fußgängerzone für einen Tag genossen. In diesem Jahr soll’s – wie üblich im Wechsel mit der evangelischen Kirche – das „Fest rund um den Kirchturm“ geben.

Wie immer sind die Vereine da die große Stütze. „Wir sind Kleeschter, keine Groß-Umstädter“, konkretisiert der Ortsvorsteher im Gespräch mit dem ECHO an einem Vormittag auf dem Weg durch leere Gassen zum „Treppchen“. „Das ist wohl auch ein Schutzgefühl. Die Kleestädter Feuerwehr fuhr beispielsweise jahrelang mit ihrem eigenen Logo auf den Fahrzeugen.“

Lokalstolz.

„Die Fußballer spielen in ganz Umstadt in der höchsten Klasse. Und unsere Feuerwehrmusikanten sind so gut, dass sie die Stadthalle füllen.“

Apropos Halle: Das Bürgerhaus bereitet Kopfzerbrechen. Anders als im benachbarten Klein- Umstadt ist es in gutem Zustand, zudem sinnvoller geplant und dadurch besser zu nutzen. So gut, dass große Jugenddiscos dort gefeiert wurden. „Da kamen zuletzt 700 Gäste, andere mussten noch draußen warten. Dadurch wurde es laut. Nachbarn beschwerten sich“, schildert der Ortsvorsteher. Hier ein seltenes, reizvolles Angebot im Ort für die Jugend, da die Störung der Anlieger. „Das wurde einfach zu groß, Autos verstellten Einfahrten, weil es längst nicht so viele Parkplätze gibt“, drückt Fikar Verständnis für die neue Haltung der Stadtverwaltung aus, derartige Veranstaltungen dort nicht mehr zu genehmigen. „Aber wo sollen die jungen Leute hin?“, schiebt Fikar nach. „Wir denken über bessere Standorte nach“, sagte der neue Bürgermeister Joachim Ruppert dazu gestern am Telefon dem ECHO.

Inzwischen sind wir bei der Tour durch Kleestadt außer Puste, denn die letzten Meter geht’s steil bergauf. Von hier oben, auf der Holzbank oberhalb des Treppchens, in völliger Stille, blickt der Kleestädter Ortsvorsteher am liebsten auf seinen Heimatort.

Ein eigenes Gewerbegebiet westlich Kleestadts zwischen Landesstraße und Bahnlinie sei in Planung. Es wäre das erste außerhalb der Kernstadt. „Das ist ein weiterer Vorschlag aus der Bürgerschaft. Wir holen uns die Arbeitsplätze in den Ort, alle Versorgungsleitungen liegen eh schon da.“ Noch weiter oben, hinter Treppchen und Ruhebank, werde das Weingut Krupka Wingerte anlegen – wie es früher einmal in Kleestadt war. Über das Dorf geht der Blick weiter in die Main- Ebene. An klaren Tagen sind die Hochhäuser Frankfurts zu sehen. „Wir Kleeschter liegen in Umstadt ganz oben““, sagt Fikar, und spricht damit schmunzelnd die nördliche Lage an.

Die 1581 „Kleeschter“ haben nicht das schlechteste Fleckchen gefunden.

Reinhard Jörs 19.1.2006

Quelle: Darmstädter Echo, 19.01.2006